19. August 2000


 


Ach, ihr Digitollahs!

Von Daniel Suter 

Ich mag euch nicht mehr hören, ihr ältlichen Politiker, die ihr in eurer zweiten Lebenshälfte vom Internet erweckt worden seid und nun mit dem Eifer von Konvertiten vor dem Höllenfeuer des "digitalen Analphabetismus" warnt. Eure Predigten klingen so, als müssten alle Eltern ihren Sprösslingen zum ersten Geburtstag einen Laptop schenken und alle Lehrerinnen ihre Klassen vom ersten Schultag an online unterrichten. Dabei mache ich eine Wette, dass ihr selbst noch wie im vorletzten Jahrhundert kommuniziert: Ihr diktiert Eure Briefe und Reden einer Sekretärin (oder lasst sie von euren Beratern diktieren), und ihr schraubt eine edle Goldfüllfeder auf, wenn ihr eure Signatur darunter setzt. 

Mit dem Internet habt ihr kaum Bekanntschaft. Sonst wäret ihr nicht so aus dem Häuschen. Und eure eigenen Kinder sind euch wohl schon so weit entwachsen, dass ihr eure Rezepte nicht mehr an ihnen ausprobieren könnt. Ihr sähet sonst schnell, wie überflüssig eure Mahnungen sind. Die Jungen lernen das Surfen wie das Skaten, ohne dass ihr sie anschubst. Das Internet entdecken sie von selbst, wenn ihr sie dort spielen und chatten lasst. In der Freizeit, und nicht in der Schule. 

Einmal nüchtern betrachtet, aus der Sicht eines ältlichen Journalisten, dem dieses Netz beinahe täglich als Hilfe und Hindernis beim Fischen von Informationen dient: Das Internet ist nichts als ein weltweites wirres Warenlager - und ein superschneller Briefträger. In Sekunden bringt er dir jede Menge Schrott. Dazwischen natürlich auch Brauchbares, aber um das in der Gerümpelkammer zu finden, brauchst du Glück und die richtige www. adresse, aber bestimmt nicht ein frühkindliches Online-Studium. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee zu sagen: Bildung ist das wertvollste Gut, das wir unseren Kindern geben können (so weit, so richtig) - also, liebe Kindergärtnerinnen, verbringt mit euren Klassen jeden Nachmittag in der Universitätsbibliothek! Nur die Internetpfaffen verzapfen das. Sie wollen die Kinder vor den Bibliothekskatalog stellen, und sie glauben, dadurch würden die Kleinen klug. 

Das ist die Krux mit digitalen wie analogen Daten: Sie nützen niemandem auch nur das Geringste, wenn er oder sie die Informationen nicht einordnen und werten kann. Die aktuelle Aufregung um die menschlichen Erbinformationen zeigt das aufs Schönste: 98 Prozent aller Buchstaben sind da, den Text jedoch kennt noch keiner. Gewiss, das Buch des Lebens wird einmal zu lesen sein, auch im Internet. Bis es so weit ist, werden viele Forscher selber denken, rechnen und fantasieren müssen. Das Internet ist vielleicht ihr Bote, der ihre Entwürfe vom einen zum anderen Institut spediert. Und ihr Bücherschrank, in den sie die Teilergebnisse - hoffentlich schön systematisch - stellen. Das Internet wird immer nur Mittel und nie Zweck sein. Eine ungeordnete Hängeregistratur, ein lückenhaftes Lexikon und ein übervoller Papierkorb - aber weder eine Wissenschaft noch ein Kunstwerk. Darum ist es unsinnig zu fordern, bereits die Jüngsten müssten vor dem Bildschirm sitzen, weil sie sonst das Alphabet der Zukunft verpassen. 

Was Kinder zuerst einmal lernen müssen, ist, ihre Gedanken zu formulieren, zu ordnen und zu einem Ganzen zusammenzufügen. Dann - was noch schwieriger ist - ihren Kameraden zuzuhören, deren Ideen zu diskutieren und mit ihnen zusammen neue Lösungen zu finden. Das braucht viel analoge und nicht digitale Kommunikation, Gespräche und keine Computer. In einem späteren Stadium können Schülerinnen und Schüler auch im Internet Material für ihre Arbeiten finden. Vorher aber müssen sie die kritische Intelligenz entwickelt haben, um den weltweiten Sand von den seltenen Goldkörnern zu unterscheiden. Erst dann nützt ihnen das Internet etwas. Und erst dann sind sie auch fähig, selbst etwas Nützliches ins Netz zu geben.