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Ach,
ihr Digitollahs!
Von
Daniel Suter
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Ich mag
euch nicht mehr hören, ihr ältlichen Politiker,
die ihr in eurer zweiten Lebenshälfte vom Internet
erweckt worden seid und nun mit dem Eifer von Konvertiten
vor dem Höllenfeuer des "digitalen Analphabetismus"
warnt. Eure Predigten klingen so, als müssten alle
Eltern ihren Sprösslingen zum ersten Geburtstag einen
Laptop schenken und alle Lehrerinnen ihre Klassen vom ersten
Schultag an online unterrichten. Dabei mache ich eine Wette,
dass ihr selbst noch wie im vorletzten Jahrhundert
kommuniziert: Ihr diktiert Eure Briefe und Reden einer
Sekretärin (oder lasst sie von euren Beratern
diktieren), und ihr schraubt eine edle Goldfüllfeder
auf, wenn ihr eure Signatur darunter setzt.
Mit dem
Internet habt ihr kaum Bekanntschaft. Sonst wäret ihr
nicht so aus dem Häuschen. Und eure eigenen Kinder sind
euch wohl schon so weit entwachsen, dass ihr eure Rezepte
nicht mehr an ihnen ausprobieren könnt. Ihr sähet
sonst schnell, wie überflüssig eure Mahnungen
sind. Die Jungen lernen das Surfen wie das Skaten, ohne dass
ihr sie anschubst. Das Internet entdecken sie von selbst,
wenn ihr sie dort spielen und chatten lasst. In der
Freizeit, und nicht in der Schule.
Einmal
nüchtern betrachtet, aus der Sicht eines ältlichen
Journalisten, dem dieses Netz beinahe täglich als Hilfe
und Hindernis beim Fischen von Informationen dient: Das
Internet ist nichts als ein weltweites wirres Warenlager -
und ein superschneller Briefträger. In Sekunden bringt
er dir jede Menge Schrott. Dazwischen natürlich auch
Brauchbares, aber um das in der Gerümpelkammer zu
finden, brauchst du Glück und die richtige www.
adresse, aber bestimmt nicht ein frühkindliches
Online-Studium. Kein vernünftiger Mensch käme auf
die Idee zu sagen: Bildung ist das wertvollste Gut, das wir
unseren Kindern geben können (so weit, so richtig) -
also, liebe Kindergärtnerinnen, verbringt mit euren
Klassen jeden Nachmittag in der Universitätsbibliothek!
Nur die Internetpfaffen verzapfen das. Sie wollen die Kinder
vor den Bibliothekskatalog stellen, und sie glauben, dadurch
würden die Kleinen klug.
Das ist
die Krux mit digitalen wie analogen Daten: Sie nützen
niemandem auch nur das Geringste, wenn er oder sie die
Informationen nicht einordnen und werten kann. Die aktuelle
Aufregung um die menschlichen Erbinformationen zeigt das
aufs Schönste: 98 Prozent aller Buchstaben sind da, den
Text jedoch kennt noch keiner. Gewiss, das Buch des Lebens
wird einmal zu lesen sein, auch im Internet. Bis es so weit
ist, werden viele Forscher selber denken, rechnen und
fantasieren müssen. Das Internet ist vielleicht ihr
Bote, der ihre Entwürfe vom einen zum anderen Institut
spediert. Und ihr Bücherschrank, in den sie die
Teilergebnisse - hoffentlich schön systematisch -
stellen. Das Internet wird immer nur Mittel und nie Zweck
sein. Eine ungeordnete Hängeregistratur, ein
lückenhaftes Lexikon und ein übervoller Papierkorb
- aber weder eine Wissenschaft noch ein Kunstwerk. Darum ist
es unsinnig zu fordern, bereits die Jüngsten
müssten vor dem Bildschirm sitzen, weil sie sonst das
Alphabet der Zukunft verpassen.
Was
Kinder zuerst einmal lernen müssen, ist, ihre Gedanken
zu formulieren, zu ordnen und zu einem Ganzen
zusammenzufügen. Dann - was noch schwieriger ist -
ihren Kameraden zuzuhören, deren Ideen zu diskutieren
und mit ihnen zusammen neue Lösungen zu finden. Das
braucht viel analoge und nicht digitale Kommunikation,
Gespräche und keine Computer. In einem späteren
Stadium können Schülerinnen und Schüler auch
im Internet Material für ihre Arbeiten finden. Vorher
aber müssen sie die kritische Intelligenz entwickelt
haben, um den weltweiten Sand von den seltenen
Goldkörnern zu unterscheiden. Erst dann nützt
ihnen das Internet etwas. Und erst dann sind sie auch
fähig, selbst etwas Nützliches ins Netz zu
geben.
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